Israel: Von Humus, Kamelen und Wüste?

Vier Wochen liegt meine erste Reise nach Israel nun zurück. Mein Kopf fühlt sich an wie ein prall aufgepusteter Luftballon, der droht zu platzen, denn noch immer befinde ich mich im Verarbeitungsprozess. Auf meiner Reise durch Israel im Rahmen des 50-jährigen Jubiläums der israelisch-deutschen Beziehungen habe ich viel erlebt, erfahren und gefühlt. Ich traf namenhafte Vertreter der Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, tanzte durch das pulsierende Nachtleben Tel Avivs und fühlte die einzigartige Aura der heiligen Stadt Jerusalem. Zurück in Deutschland habe ich versucht meine Reise nach Israel zu reflektieren. Mein Blick auf Israel hat sich verändert. Ich habe viele neue unzählige Erkenntnisse erlangt, aber auch so unendlich viele Fragen.

Reise nach Israel: Von Vorurteile und Bauchgefühl

Du fliegst nach Israel? Ist das nicht gefährlich? Da herrscht doch Krieg? Da gibt es ständig Bombenanschläge und Messerstechereien! Was willst du da überhaupt?

Wem immer ich auch von meiner bevorstehenden Reise ins Heilige Land berichtete, stets sah ich mich mit einer riesigen Ladung an Vorurteilen und Stereotypen über Israel konfrontiert. Kein Wundern, immerhin sind die deutschen Medien über das Heilige Land von Auseinandersetzungen mit Palästina, dem Nah-Ost-Konflikt und kritischen Stimmen zum Premierminister Benjamin Netanyahu bestimmt. Israel wird in Deutschland vorwiegend im Kontext eines seit Jahrzehnten andauernden Konflikts wahrgenommen.Und in der Tat hatte ich vor Antritt der Reise zum ersten Mal in meinem Leben ein flaues Gefühl in der Magenregion und machte mir Gedanken. Ist Israel wirklich sicher?

Blick auf den Ölberg in Jerusalem

Blick auf den Ölberg in Jerusalem

Ich selbst betrachtete mich immer als einen aufgeschlossenen und vorurteilsfreien Menschen. Doch mit Blick auf Israel muss ich mein Selbstbild revidieren und mich selbst neu reflektieren. Also beschloss ich, die Einladung des israelischen Außenministeriums anzunehmen und mir ein eigenes Bild über Israel zu bilden. Im Nachhinein kann ich sagen, dass dies eine gute Entscheidung war, denn Israel hat mich bewegt – in vielerlei Hinsicht.
>>Mehr über die Jubiläumsreise nach Israel

7 Erkenntnisse über Israel

#1 Israel – Farbenfrohe Vielfalt

Wenn wir Deutschen an die Bevölkerung Israels denken, dann denken wir vorrangig an Juden. Und in der Tat sind 75% der israelischen Bevölkerung jüdisch. Doch was ist mit dem Rest? Araber, Muslime, Christen und Co. – die Bevölkerung Israels ist alles andere als homogen. Die Einwanderer kamen einst aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturkreisen ins Heilige Land. Und genau das macht das Leben in Israel auch so Facettenreich. Israel ist ein Schmelztiegel der Religionen, Traditionen, Sprachen und Dialekte. Die offizielle Amtssprache ist jedoch hebräisch. Wer Israel bereist, der wird Teil eines vielfältigen Landes, dass sich in keine Schublade packen lässt.

Bar Mitzwa in Jerusalem

Bar Mitzwa in Jerusalem

#2 Israel – Militär allgegenwärtig

Irgendwie erschreckend und befremdlich aus Sicht einer Deutschen empfand ich die hohe Militärpräsenz im Alltag Israels. Egal zu welcher Tageszeit und an welchem Ort wir unterwegs waren, die Soldaten und Soldatinnen des israelischen Militärs in ihrer olivgrünen Uniform waren allgegenwärtig. Israel hat einen riesigen Sicherheits- und Militärapparat. Es besteht Wehrpflicht von 3 Jahren für Männer und von 2 Jahren für Frauen. In Israel kommt es immer wieder zu Auseinandersetzung und Krieg, das Land befindet sich in einem kontinuierlichen Ausnahmezustand.

In seiner Rede sagt der israelische Schriftsteller David Grosman zu uns „I don’t want to live in a country, where families are having three children to see at least two of them growing up.“ Ein drastischer Hinweis auf die regelmäßigen Einsätze des israelischen Militärs und die damit einhergehenden Verluste in der Bevölkerung.

Grabeskirche in Jerusalem

Grabeskirche in Jerusalem

Auch in der israelischen Wirtschaft spielt das Militär eine unanfechtbar wichtige Rolle. So besuchten wir die Ben-Gurion-Universität, ca. 1 Stunde südlich von Tel Aviv, und ich war beeindruckt von dem dynamischen Forschungs- und Entwicklungsteams. Doch der Fakt, dass alle vorgestellten Erfindungen, vor allem Roboter, lediglich einen Zweck dienen, und zwar dem Einsatz im Krieg, schlug mir auf den Magen.

In Deutschland setzen wir uns nur selten aktiv mit dem Thema Krieg auseinander. Wir haben einen freiwilligen Wehrdienst und keine Wehrpflicht. Womöglich lebe ich in einer naiven Welt, doch die Präsenz des Militärs und der selbstverständliche Umgang mit dem Thema Krieg habe ich als befremdlich wahrgenommen.

#3 Israel – I love Chutzpah

„Wir leben in einem Land mit 8,3 Millionen Premierministern und jeder hat seine Meinung!“ antwortete der israelische Choerograph Itzik Galili auf die Frage, wie die Zusammenarbeit mit seinen Tänzern und Sänger im Tanzstück „Man of the hour“ verlief. Ich finde, dieser eine Satz beschreibt die Mentalität der Israelis sehr gut. In Israel will jeder sein eigener Boss sein. Die eigene Meinung zählt und wird stets klar kommuniziert. Das kann nach außen auch gerne mal als aggressiv, ruppig oder forsch wahrgenommen wird, legen wir als Deutsche doch alles gerne auf die metaphorische Goldwaage. In Israel wird diskutiert, viel (!) diskutiert. Man scheut sich keiner Konfrontation und Meinungsverschiedenheiten werden offen ausgefochten. Die Übersetzungen des Wortes „Chutzpah“ variieren von Kühnheit, über Arroganz bis hin zu Unverschämtheit. Vor allem uns Deutsche kann die „Chutzpah“ Mentalität schwer auf den Magen schlagen. Während wir uns häufig in der Opferrolle sehen und vorsichtig vortasten, um unseren Willen zu bekommen, gehen Israelis eher forsch an die Sache heran.

Machne Yehuda Markt in Jerusalem

Machne Yehuda Markt in Jerusalem

#4 Israel – Das Land der Macher

Der größte Kontrast zwischen Deutschen und Israelis ist meiner Meinung nach nicht Religion, Sprache oder Optik, sondern eben die angesprochene „Chutzpah“ Mentalität. Israel ist ein Land der Kämpfer und Macher. Das Militär und der kontinuierliche Ausnahmezustand des Landes spielen dabei eine wichtige Rolle. Während ihres Wehrdiensteinsatzes lernen Israelis schnelle Entscheidungen zu treffen, Mut zu haben und zielstrebig zu sein. Eigenschaften, die auch Jungunternehmern in Israel zu Gute kommen. Die Devise lautet „Niemals aufgeben“. Einen Fehler zu begehen wird nicht mit Schwäche oder Misserfolg gleichgesetzt.

Dies ist wahrscheinlich auch einer der Gründe, warum es in Israel so vielseitige Startups gibt. Israel zählt zu den kleinsten Staaten der Welt und zählt dennoch aktuell über 3.400 Start-Ups, Tendenz steigend. Während wir in Deutschland Jahre damit verbringen, um über unsere Visionen nachzudenken, Risiken abzuwägen oder Pro-und Kontralisten anzulegen, wird in Israel einfach gehandelt. Israel besitzt keine große Industrie. Von Anfang richten sich junge Unternehmen auf den internationalen Markt aus. Jungunternehmer werden vom Staat im Rahmen sogenannter Inkubator-Programme mit einem Startkapital von 500.000 Dollar unterstützt.

Israel selbst betrachtet sich gern als ein Start-Up, geschaffen aus einer Vision, mit rasantem Aufstieg, viel Energie und wenig Scheu vor Konflikten. Der Startup Gedanke ist fest in den Köpfen Israels verankert. Mich persönlich haben der Elan und der Ehrgeiz der Israelis, vor allem im Wirtschaftsbereich, absolut beflügelt! Sollten wir Deutschen uns nicht auch öfter einfach mal aus unserer Komfortzone wagen?

#5 Israel – Mehr als nur Wüste und Kamele

Denke ich aus der Sicht einer Reisenden an Israel, dann kreisten meine Gedanken vor Antritt meiner Israel Reise vorrangig um Kamele und Wüste. Und in der Tat besteht das Land zu 60% aus der Wüste Negev, doch die übrigen 40% bieten so viel mehr. Oder wusstet ihr, dass man in Israel Skifahren, Surfen und Wandern kann – und zwar alles an einem einzigen Tag (rein theoretisch)?

Strandpromenade von Tel Aviv

Strandpromenade von Tel Aviv

Israel kann mit einer vielseitigen Landschaft auf sehr kleinem Raum aufwarten. Das Land ist an seiner schmalsten Stelle gerade einmal 15 km breit. Das Mount Hermon-Skigebiet ermöglicht Wintersport, das Tote Meer lädt auch Nichtschwimmer zum Relaxen ein und im Mittelmeer kann man fast das ganze Jahr über Baden und Surfen. Ein absolutes Highlight ist natürlich ein Besuch der Sandsteinfarbenden Stadt Jerusalem mit der einzigartigen Architektur, engen Gassen voller Mosaike, belebten Märkten und der berühmten Klagemauer. Tel Aviv hingehen ist eine schillernde Metropole mit hohen Wolkenkratzern und einem aufregenden Nachtleben. Ihr seht, in Israel kommt wirklich jeder auf seine Kosten.

#6 Israel – Gastfreundschaft pur

Gastfreundschaft ist eine Eigenschaft, die man vielen Nationen zugestehen kann. Doch noch nie zuvor bin ich so schnell und ungekünstelt mit Einheimischen ins Gespräch gekommen als in Israel. In einer Bar oder auf der Straße dauerte es gerade einmal 5 Minuten, bis ich mit einem Drink ausgestattet und in ein anregendes Gespräch eingebunden war. Ich wurde mit großem Interesse und ohne Vorurteile von den jungen Israelis begrüßt. Die Unterhaltungen waren stets frontal und auf gleicher Augenhöhe. Ganz anders als in Südostasien, wo man sich oft mit Unterwürfigkeit konfrontiert sieht.

Buntes Treiben an der Klagemauer von Jerusalem

Buntes Treiben an der Klagemauer von Jerusalem

Die große Aufgeschlossenheit, Toleranz und Gastfreundschaft der Israelis gegenüber Deutschen hat mich in der Tat sehr überrascht, immerhin liegen die grausamen Ereignisse des 2. Weltkrieges nur 7 Jahrzehnte zurück. Die bilaterale Beziehung zwischen Israel und Deutschland sind gefestigt. Deutschland ist Israels drittwichtigster Handelspartner, Armeen und Sicherheitsdienste beider Staaten arbeiten intensiv zusammen und es gibt zahlreiche Kooperationen im Bereich Bildung und Wissenschaft. Zudem avanciert unsere Hauptstadt Berlin zu einem beliebten Anlaufziel junger Israelis.

Ich persönlich hatte geglaubt, dass ich als Deutsche mit mehr Vorurteilen und Abneigung konfrontiert werden würde. Letztlich war es genau das Gegenteil.

#7 Israel – Mehr als Humus

Was isst man denn in Israel? Na Humus und Falafel oder? Ja so in etwa, aber darüber hinaus noch viel mehr! Israel ist ein Einwanderungsland, dementsprechend facettenreich sind auch die nationalen Essgewohnheiten. Die „eine“ israelische Küche gibt es nicht. Die Menschen in Israel kochen so, wie schon einst ihre Eltern vor ihrer Einwanderung nach Israel gekocht haben. Neben köstlichen Humus und Falafel kommen Speisen mit französischen, marokkanischen, russischen, polnischen, argentinischen und orientalischen Einfluss auf den Tisch. Ich persönlich war überwältig von der Vielfalt der israelischen Küche! Allein das israelische Frühstück war sehr üppig und toppt unsere deutschen, morgendlichen Brot- und Müslirituale bei weitem. Früchte, Salate, Fisch, Käse und Eier – die Auswahl war gigantisch. Komplizierte koschere Essgewohnheiten aufgrund von jüdischen Religionsgesetzen – davon habe ich nicht viel gemerkt.

Besonders gut geschmeckt haben mir, natürlich neben dem israelischen Klassikern Falafel und Humus, die armen Pittah-Brote, die pappsüßen Teigtaschen Konafa mit Sirup und Nüssen, die gegrillten und gefüllten Auberginen sowie Halva, eine Süßspeise aus Nüssen, Honig, Kakao und Vanille. Vegetarier finden in Israel eine große und abwechslungsreiche Auswahl an fleischlosen Mahlzeiten. Für Fleischfreunde sind sicherlich Schischliks (gerösteten Lamm- und Rindfleisch Spieße) und Kebabs (Fleischbällchen aus gegrilltem Lamm- oder Rinderhackfleisch) ein wahrer Gaumenschmaus. Was die Israelis irgendwie nicht so richtig drauf haben, war Kaffee. Den gab es nämlich nur in Form von Mokka oder löslichen Instant Kaffeepulver. Kurzum gesagt: Die israelische Küche bietet leckere Speisen für jedem Geschmack, auch für jene die eben keine Kichererbsen mögen.


Israel: Ein erstes Fazit

Noch lange habe ich nicht alles über meine Reise nach Israel gesagt. Mein Denkprozess läuft, doch meine Ansichten haben sich geändert – ganz gleich ob aus wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, sozialer oder gar politischer Sicht. Um Israel wirklich zu verstehen, muss ich zurückkehren und mehr Zeit im Heiligen Land verbringen. Israel, ich komme wieder!

Ihr wollt auch nach Israel reisen? Habt keine Angst! Zu keinem Zeitpunkt habe ich mich in Israel unsicher gefühlt. Für eure Reiseplanung empfehle ich euch den DuMont Reiseführer für Israel, Palästina und Sinai.

© Bilder: Doreen Schollmeier

IsoldeMaReisen

Mein Name ist Isolde MaReisen und ich bin fernsüchtig. Auf fernsuchtblog.de berichte ich von meinen Reisen, Outdoor-Erlebnissen und gebe Tipps für Weltenbummler.

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